Therapiefreiheit nur noch Illusion? 22.10.2008

eingestellt von Dr. Hubertus Koenen

Niedergelassene in Deutschland ohne Vertrauen ins System

Umfrage: Therapiefreiheit
ist nur noch Illusion

22.10.08 - Drei Viertel der deutschen Niedergelassenen finden, dass sie in der Therapie zu vielen Zwängen unterliegen. Das ergab eine repräsentative Umfrage im Auftrag des NAV-Virchow-Bundes und der Pharmakonzerne. 69 Prozent der Ärzte denken demnach ans Auswandern.

Vor allem der enorme Kostendruck lastet auf den Schultern der Ärzte. Weil die Leistungen budgetiert und die Ausgaben beschränkt sind und zudem noch Regressdrohungen über ihren Häuptern hängen, gaben 73 Prozent der befragten Niedergelassenen an, Therapieentscheidungen nicht mehr frei treffen zu können.

Klaus Bittmann, Chef des NAV-Virchow-Bundes, sieht düstere Ahnungen bestätigt: "Die Umfrage zeigt deutlich, dass der Arztberuf viel an Attraktivität verloren hat", erklärte er. Sein Verband hatte die Untersuchung zusammen mit dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller (VFA) in Auftrag gegeben. Das Meinungsforschungsinstitut TNS Healthcare befragte 500 Haus- und 302 Fachärzte.

Verschlechterung der Versorgungsqualität erwartet

Die Qualität der medizinischen Versorgung wird sich nach Meinung der befragten Mediziner in den nächsten Jahren erheblich verschlechtern. Während derzeit noch 74 Prozent der Ärzte sie in der eigenen Region als gut einschätzen, glaubt nur noch knapp ein Viertel, dass dies auch noch in zehn Jahren der Fall sein wird.

Mehr als ein Drittel der Ärzte glaubt sogar an eine schlechte oder sehr schlechte Versorgungsqualität in naher Zukunft. Vor allem der hohe Verwaltungs- und Bürokratieaufwand sowie die Budgetierung wirken sich nach Meinung der Mediziner negativ auf die Versorgung gesetzlich versicherter Patienten aus.

Abschaffung der Budgetierung gewünscht

Ganz wichtig ist den Befragten der Abbau von Bürokratie. Weitere Vorschläge an die Gesundheitspolitik sind: eine leistungsgerechte Honorierung nebst Abschaffung der Praxisbudgets sowie eine höhere Selbstbeteiligung für Patienten.

Der Zugang zu innovativen Medikamenten bleibe den Patienten häufig verwehrt, Therapiefortschritte kämen nicht bei allen Patienten an. Dies betrifft nach Meinung der Ärzte vor allem gesetzlich Versicherte mit den Indikationen Depression und Demenz. Lediglich 40 Prozent der Ärzte glauben, dass der Therapiefortschritt depressive Patienten noch erreicht und nur ein Fünftel der Befragten gibt an, dass der Therapiefortschritt bei Demenzkranken ankommt.

Cornelia Yzer, Hauptgeschäftsführerin des VFA, sieht angesichts dieser Ergebnisse die Gefahr, dass es künftig zwei Klassen von Krankheitsbildern gibt: Solche, die im Lichte der öffentlichen Aufmerksamkeit stehen und solche, die gesellschaftlich stigmatisiert werden.

Die Begeisterung für den Arztberuf ist dahin

Besonders alarmierend sind die Auswirkungen der Fehler im Gesundheitssystem auf die Motivation der Ärzte. 69 Prozent der befragten Ärzte haben sich schon einmal überlegt, alles hinzuwerfen und im Ausland zu praktizieren. Bei den Fachärzten sind es gar 74 Prozent.

Als Beweggründe für diese Überlegungen werden bei der überwiegenden Mehrheit der Befragten der Verwaltungsaufwand, zu geringes Einkommen und die mangelnde Therapiefreiheit genannt. Fast ein Drittel würde den Arztberuf heute eher nicht mehr ergreifen.

 

aus www.aerztlichepraxis.de


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